#AustrianSpaceFounder: Wie Markus Dörfler mit Augmenterra die Bewegungen unter unseren Füßen sichtbar macht
Wie der Boden sich unter unseren Füßen bewegt, bleibt oft unsichtbar, bis es zu spät ist. Gebäude setzen sich, Hänge geraten ins Rutschen, Gleise verschieben sich um wenige Millimeter, und das mit potenziell gravierenden Folgen. Genau hier setzt das Team der Geschäftsführer von Augmenterra, CSO Markus Dörfler und CEO Markus Keuschnig, mit Augmenterra an: Sie geben Infrastrukturbetreibern, der öffentlichen Hand und der Finanzwirtschaft ein Werkzeug in die Hand, um Bodenbewegungen frühzeitig zu erkennen, bewerten und langfristig überwachen zu können.
Dafür nutzt Augmenterra Daten von Satelliten wie Sentinel 1, die kleinstenVeränderungen der Erdoberfläche messen können, und übersetzt diese in konkrete, verständliche Informationen. Anstatt abstrakter Daten erhalten Nutzer:innen so Bewertungen anhand einer Skala: Wo ist ein Gebäude stabil, wo entstehen Risiken, wo sind Veränderungen bereits im Gange?
Wir haben gesehen, dass es in Österreich eigentlich kein einziges Unternehmen gibt, das diese Daten wirklich flächig in Wert setzt. Wo heute eine logische Anwendung von Satellitendaten vorliegt, war lange Zeit eine Lücke zwischen Forschung und Praxis.
Vom Studium zur Gründung
Dörflers Weg in die Weltraumtechnologie begann mit einem Geografiestudium in Salzburg. Ursprünglich ohne klaren Plan entwickelte er bereits früh ein Interesse für Fernerkundung, also die Analyse der Erde mithilfe von Satelliten- und Luftbilddaten. Parallel dazu beschäftigte er sich intensiv mit Geomorphologie, also den Kräften, die Landschaften formen und verändern. Diese Kombination aus physischem Verständnis und datengetriebener Analyse prägte seinen weiteren Weg.
In der Forschung bei GeoResearch arbeitete Dörfler schließlich an Projekten, die sich mit Klimawandel und alpinen Prozessen beschäftigten. Der entscheidende Impuls kam, als er sich näher mit Radarsatellitendaten, sogenannten InSAR-Daten, auseinandersetzte. Diese machen kleinste Bewegungen der Erdoberfläche messbar. "Das war so ein Moment, wo wir gemerkt haben: Das hat enormes Potenzial", erinnert sich Dörfler.
Gemeinsam mit Markus Keuschnig und einem weiteren Mitgründer entstand daraus die Idee, diese Technologie aus der Forschung herauszulösen und in ein skalierbares Geschäftsmodell zu überführen. Ende 2022 wurde Augmenterra als Spin-off von GeoResearch gegründet – mit dem Ziel, die Technologie als datengetriebenes Infrastruktur-Tool auf den Markt zu bringen.
Eine Skala macht Risiken sichtbar
Das Interface von Augmenterra ist bewusst so gestaltet, dass die zugrunde liegende Komplexität unsichtbar bleibt. Statt technischer Details stehen konkrete Anwendungen im Vordergrund: Nutzer:innen greifen über eine Plattform auf eine kontinuierlich aktualisierte Datenbasis zu, die Bodenbewegungen über mehrere Jahre hinweg abbildet. Die Analyse reicht dabei von einzelnen Gebäuden bis hin zu ganzen Regionen.
Der Mehrwert zeigt sich besonders in der Praxis. Infrastrukturbetreiber nutzen die Daten, um Bauprojekte besser zu planen oder Risiken frühzeitig zu erkennen. Die öffentliche Hand wie die Salzburg AG, die TIWAG und die ASFiNAG setzt sie ein, um langfristige Veränderungen im Zuge des Klimawandels zu überwachen. Banken und Versicherungen integrieren die Analysen in ihre Risikobewertungen.
Ein Haus kann ich bei uns genauso abfragen wie ein ganzes Bundesland. Genau diese Skalierbarkeit ist zentral für das Geschäftsmodell.
Für Augmenterra ist dabei nicht nur die Datenverfügbarkeit entscheidend, sondern vor allem die Verständlichkeit davon. Das Tool verzichtet bewusst darauf, die technische Herkunft der Daten in den Vordergrund zu stellen. "Sobald ich versuche, in Verkaufsgesprächen Satellitendaten zu erklären, steigen viele schon aus", lacht Dörfler. Stattdessen setzt das Unternehmen auf einfache Bewertungen und klare Visualisierungen. Das Ergebnis ist ein Produkt, das auch von Nutzer:innen verstanden wird, die keinen Space-Hintergrund haben.
Dass diese Herangehensweise Wirkung zeigt, belegen konkrete Anwendungen. In einzelnen Fällen wurden die Daten bereits genutzt, um Bauprojekte neu zu bewerten oder rechtliche Entscheidungen zu beeinflussen, etwa wenn es darum geht, die Stabilität eines Gebäudes nachzuweisen oder dahingehende Behauptungen zu widerlegen. Für Dörfler sind genau solche Beispiele zentral: "Wir wollen runterkommen bis auf die kleinste Einheit, und das ist das einzelne Haus."
Zwischen Technologie und Markt
Mit dem Wachstum des Unternehmens verschiebt sich der Fokus zunehmend von der Technologie hin zur Marktdurchdringung. Denn die größte Herausforderung liegt nicht in der Datenverarbeitung, sondern in der Vermittlung ihres Nutzens. Erdbeobachtung ist für viele potenzielle Kund:innen noch immer ein abstraktes Konzept.
Unser Produkt sucht noch keiner aktiv. Wir müssen zu den Kunden gehen und es erklären.
Genau hier zeigt sich die strategische Ausrichtung von Augmenterra. Statt projektbasiert zu arbeiten, setzt das Unternehmen auf eine skalierbare Dateninfrastruktur, die kontinuierlich verfügbar ist. Kund:innen können entweder im Abo-Modell auf die Daten zugreifen, einzelne Abfragen tätigen oder über ein Credit-System flexibel auf unterschiedliche Regionen und Anwendungsfälle zugreifen.
Parallel dazu arbeitet Augmenterra an der geografischen Expansion. Nach Österreich steht nun der DACH-Raum im Fokus, langfristig auch der europäische Markt. Technologisch ist dieser Schritt bereits vorbereitet. Dabei setzt das Unternehmen weiterhin auf organisches Wachstum. Augmenterra ist bislang vollständig eigenfinanziert und wächst aus dem laufenden Geschäft heraus. Dieser Ansatz gibt den Gründern die Kontrolle über Tempo und Richtung der Entwicklung, bringt aber auch Herausforderungen mit sich, insbesondere wenn es um internationale Skalierung geht.
Space Entrepreneurship in Österreich: Aufbrüche und Herausforderungen
Augmenterra steht exemplarisch für das große Potential und die Chancen des Space Entrepreneurship in Österreich. Dörfler meint, dass in den frühen Phasen Startups heute ein zunehmend gut ausgebautes Ökosystem in Österreich vorfinden – von Forschungsprogrammen bis zu ersten Förderinstrumenten. "In Österreich versucht man wirklich, Startups zu unterstützen und diesen Entrepreneurship-Gedanken reinzubringen", sagt Dörfler.
Mit dem Übergang vom Startup zum Scaleup wird der Weg jedoch deutlich steiniger. Gerade im Space- und DeepTech-Bereich, wo Entwicklungszyklen länger und kapitalintensiver sind, wird die Finanzierung zur zentralen Herausforderung. "Wenn es dann wirklich anfängt zu laufen, ebbt die Unterstützung eher ab", so Dörfler. Besonders deutlich wird das bei Hardware-Themen: Während Software- und datengetriebene Geschäftsmodelle vergleichsweise schnell skalieren können, fehlt es für die Entwicklung physischer Produkte oft an passenden Förderstrukturen und Risikokapital.