Österreichs Bundesheer baut sich seinen eigenen Zugang zum Weltraum
Österreich war im Orbit in Sachen Verteidigung bislang vor allem Kunde. Satellitenbilder, Navigationssignale, sichere Verbindungen – all das bezog das Bundesheer von anderen, in erster Linie den Vereinigten Staaten oder zivilen (ebenfalls primär US) Firmen.
Mit fünf eigenen Satelliten, die ab dem ersten Quartal 2027 ins All gebracht werden sollen, will das Heer das ändern.
„Wir reden hier von einer Weiterentwicklung des Bundesheeres", erklärt Generalmajor Friedrich Teichmann, der das Programm des Bundesministeriums für Landesverteidigung (BMLV) leitet. Es geht, kurz gesagt, um den Schritt vom Nutzer zum Betreiber.
Die Heimische Satellitenkonstellation
Hinter dem Vorhaben stehen drei Anwendungsfelder, die Teichmann als die für das Heer entscheidenden bezeichnet:
- Satellitenkommunikation,
- Satellitennavigation und
- Satellitenaufklärung.
Für jeden dieser Dienste hat das Bundesheer einen Demonstrator entwickelt – Versuchsträger, die zunächst Daten und Erfahrungen liefern sollen.
Den Anfang macht BEACONSAT: ein für die Navigation konzipierter Satellit, der mit rund 32 Kilogramm zugleich der bislang größte in Österreich gebaute ist. Entwickelt wird er vom Schwechater Start-up Gate Space, das BMLV-Budget liegt bei etwa einer Million Euro. Aus dem Orbit soll der Satellit Störungen von Navigationssignalen aufspüren.
„Da geht es darum, dass wir aus dem All heraus Jamming und Spoofing detektieren wollen", sagt Teichmann.
Besonders relevant über Österreich hinaus: BEACONSAT soll nicht nur das amerikanische GPS, sondern auch die Verfügbarkeit des europäischen Satellitennavigationssystems Galileo messen.
Damit sind wir in der Lage, einen europäischen Beitrag zu leisten – ein reales Galileo-Monitoring aus dem All heraus, also nicht nur vom Boden.
Im zweiten Quartal 2027 soll Aurora, ein Demonstrator für die Satellitenkommunikation, folgen.
Federführend ist hier das ebenfalls in Schwechat ansässige Start-up R-Space, die optische Nutzlast kommt von qtlabs.
Der kleine, voraussichtlich als 3U ausgelegte Satellit, testet optische Laserkommunikation:
Aus drei Gründen setzen wir hier auf einen sehr modernen Ansatz: Wir wollen erstens die Frequenzproblematik umgehen, zweitens eine höhere Bandbreite ermöglichen und drittens die Option der Quantenkryptografie testen.
Die klassischen Funkfrequenzen seien längst „mehr als ausgebucht, mehr als verkauft". Der Umstieg auf Laser verspricht mehr Datendurchsatz und, perspektivisch, abhörsichere Verbindungen.
Den größten Brocken bildet LEO2VLEO, ein gemeinsames Projekt mit den Niederlanden zu Aufklärungszwecken. Hier sind sechs Millionen Euro vorgesehen. Geplant sind vier Satelliten, von denen drei tatsächlich fliegen sollen.
Der vierte bleibt als Engineering Model am Boden. Ihre Besonderheit liegt in der Beweglichkeit: Sie können die Höhe in der Erdumlaufbahn verändern, vom niedrigen Erdorbit (Low Earth Orbit, LEO) von rund 500 Kilometern abwärts bis in den sehr niedrigen Orbit (Very Low Earth Orbit, VLEO) auf etwa 250 Kilometer.
Dort liefern die Kameras eine deutlich höhere Auflösung. Anschließend sollen die Satelliten wieder aufsteigen, um die Lebensdauer ihre Lebensdauer zu schonen. Der Start ist für Ende 2027 vorgesehen. Betrieben werden die Satelliten von den niederländischen Partnern, die Datenanalyse übernimmt das BMLV.
In Summe ergibt das fünf fliegende Satelliten und einen österreichischen Finanzierungsanteil von knapp zehn Millionen Euro an der aktuellen Konstellation. Wobei der Betrieb über die kommenden Jahre zusätzliches Geld in Anspruch nehmen dürfte: Die rund eine Million Euro pro Einzelprojekt decken im Wesentlichen Bau und Transport in den Orbit ab, die Datenanalyse und laufende Steuerung des Satelliten ist also noch nicht enthalten.
Auf Basis der drei Versuchssatelliten will das Bundesheer je Dienst eine eigene Konstellation aufbauen. Ob Österreich das allein finanzieren soll oder die gemeinsame Finanzierung mit einem europäischen Partner plant, ist dabei noch nicht entschieden.
Bei der Auswahl der Trägerrakete, die die Satelliten jeweils in den Orbit bringen soll, hatte das Heer wenig Spielraum, sehr zum Bedauern der Verantwortlichen.
Wir haben alles Mögliche durchprobiert, um nicht zu SpaceX zu müssen.
Europas Aushängeschild Ariane scheide aus, weil sie nicht in in den Zielorbit fliege und für die kleinen österreichischen Satelliten ohnehin überdimensioniert sei. Andere europäische Anbieter hätten „einfach noch keinen guten Track Record". So bleibe vorerst nur das US-Unternehmen von Elon Musk, derzeit „bei Weitem der billigste Anbieter und jener, der mit hoher Wahrscheinlichkeit den Startslot termingerecht und im Budget liefern kann".
Eine Dauerlösung soll das aber nicht sein:
Wir werden nicht für immer mit SpaceX hinauffliegen. In drei Jahren hoffen wir, dass europäische Anbieter bereit sind.
Wie der Weltraum künftig organisatorisch im Heer verankert wird, ist noch offen. Derzeit sind Space Services im IT/Cyber-Bereich angesiedelt; über die endgültige Struktur ist nicht entschieden.
„Es gibt verschiedene Optionen, und die hängen auch vom Bundeskanzleramt und von der Organisationsstruktur ab", sagt Teichmann. Man stecke „mitten im Aufbauplan 2032" des BMLV, in dem der Weltraum richtig eingegliedert werden müsse. Denkbar sei auch eine Ausgliederung in eine eigene Einheit, ebenso eine Weiterführung im Bereich IKT.
Die Partnerauswahl
Der Auswahl der Entwicklungsfirmen ging eine längere Vorbereitung voraus. Das Bundesheer ließ von Joanneum Research eine Machbarkeitsstudie erstellen, die klären sollte, ob die heimische Weltraumindustrie überhaupt in der Lage ist, solche Satelliten zu bauen.
Parallel dazu wurden über rund fünf Jahre Forschungsthemen mit Partnern wie der FFG, der European Space Agency (ESA) und im Sicherheitsforschungsprogramm KIRAS und FORTE bearbeitet. Aus diesen Erfahrungen, und weil einzelne Firmen mit Eigenfinanzierung an den Tisch kamen, fiel schließlich die Wahl. Käme ein weiteres Unternehmen mit eigenem Geld, bekäme auch dieses einen Platz, betont Teichmann.
Innovation Scouting
Es bleibt die Frage, warum das Österreichische Bundesheer ausgerechnet jetzt in den Weltraum will. Beim Scouting nach neuen Fähigkeiten orientiere man sich an Lessons Learned, an der Vernetzung mit anderen Nationen und der Industrie sowie daran, wie sich die Weltraumkapazitäten möglicher sicherheitsrelevanter Akteure entwickeln und welche Gegenmaßnahmen dafür infrage kommen.
Dass die Wahl auf den Weltraum fiel, liegt für Teichmann an einer schlichten Abhängigkeit:
Das digitale Gefechtsfeld verlangt, dass wir alles vernetzen und das geht nur, wenn ich die Weltraumtechnologien in der Hand habe.
Der Ukraine-Krieg habe das schonungslos vor Augen geführt. Ohne Satellitenkommunikation lasse sich auf dem Gefechtsfeld nichts ausrichten, ohne Navigation „fliegt alles irgendwohin, nur nicht dorthin, wo es hinsoll" – und die einzige Möglichkeit, über die Grenze zu blicken, seien Satellitenbilder.
Neu sei diese Erkenntnis allerdings nicht, betont der Generalmajor und hier liegt der eigentliche Kern des Umdenkens.
Seit 20 Jahren wissen wir, dass wir Satellitenbilder brauchen. Seit 20 Jahren wissen wir, dass wir Satellitenkommunikation brauchen. Seit 20 Jahren wissen wir, dass die Navigation wichtig ist. Nichts davon war unbekannt. Geändert habe sich etwas anderes: Der große Unterschied ist, dass die Nabelschnur zu den Amerikanern jetzt zu kappen ist.
Seit drei, vier Jahren sei der bisherige Reflex, im Zweifel bei den USA um Unterstützung anzufragen, sicherheitspolitisch nicht mehr tragfähig. Wer sich nicht mehr anhängen könne, müsse es selbst machen. Genau das, sagt Teichmann, sei der eigentliche Paradigmenwechsel.
Damit das gelingt, braucht es heimische Unternehmen, die ganze Satelliten verantworten können. Wer nur eine einzelne kleine Komponente zuliefert, hilft dem Bundesheer wenig. Gefragt sind End-to-End-Player, die ein komplettes System konzipieren, bauen, in den Orbit bringen und betreiben können.
Die österreichische Weltraumszene sei überschaubar, das Verhältnis zwischen Heer und Industrie funktioniere in beide Richtungen: Man komme auf die Firmen zu, ebenso wie die Firmen auf das Heer zukämen. Vor allem aber sollen die Türen geöffnet bleiben.
Sowohl bei Generalmajor Teichmann persönlich als auch beim BMLV bestehe weiterhin Interesse an Kooperationen und an Projekten mit sicherheitsrelevantem Bezug: Wer eine entsprechende Idee oder Technologie mitbringe, sei eingeladen, sich zu melden.