AustrianSpaceFounder: Maya Pindeus und Another Earth – Synthetische Erd­beobachtungs­daten

Das Unternehmen erhält 3,5 Millionen Euro für die Weiterentwicklung seiner Synthetic Data und Simulations Engine und die Expansion nach Brasilien.
Maya Pindeus und Felix Geremus lehnen an einer Hauswand.
Maya Pindeus und Felix Geremus (Copyright: Another Earth)

Die Wiener Space-Tech-Firma Another Earth hat eine Finanzierungs­runde in Höhe von 3,5 Millionen Euro abgeschlossen. Mit dem Kapital will das Unternehmen seine Technologie international skalieren – insbesondere in Regionen wie Brasilien und Sub-Sahara-Afrika, wo Umweltveränderungen besonders dynamisch und datenintensiv sind.

Hinter dem Startup stehen Maya Pindeus und Felix Geremus, Unternehmerin und Unternehmer aus Wien, die mit Another Earth an einer der zentralen Herausforderungen der modernen Erdbeobachtung arbeiten: dem Mangel an hochwertigen Trainingsdaten für künstliche Intelligenz. Während Satelliten heute enorme Mengen an Informationen über unseren Planeten sammeln, fehlt es oft genau an jenen Daten, die nötig sind, um daraus zuverlässige KI-Modelle zu entwickeln. Another Earth will dieses Problem lösen, indem es die fehlenden Daten schlicht selbst erzeugt.

Wenn Daten fehlen, werden sie generiert Erdbeobachtung gilt als eine der wichtigsten Technologien unserer Zeit. Satelliten liefern Informationen über Wälder, Landwirtschaft, Infrastruktur oder Umweltveränderungen und ermöglichen es, globale Entwicklungen nahezu in Echtzeit zu verfolgen. Doch der Nutzen dieser Daten stößt zunehmend an Grenzen.

Der Grund liegt weniger in der Menge der Daten als in ihrer Qualität und Nutzbarkeit. KI-Systeme benötigen große Mengen präzise annotierter Trainingsdaten, um Muster zuverlässig zu erkennen. Gerade in komplexen Ökosystemen – etwa in tropischen Regenwäldern oder abgelegenen Regionen – sind solche Datensätze jedoch selten, teuer oder unvollständig. Wolken verdecken Satellitenbilder, historische Daten fehlen oder bestimmte Szenarien treten schlicht zu selten auf, um ausreichend Trainingsmaterial zu liefern.

Hier setzt Another Earth an. Das Unternehmen entwickelt eine sogenannte Synthetic Data Engine, die mithilfe von generativer KI und 3D-Modellierung künstliche, aber realitätsnahe Satellitenbilder erzeugt.

Über 90 Prozent der Qualität eines KI-Modells hängt letztlich von den Trainingsdaten ab.

Maya Pindeus

Portrait Maya Pindeus
Maya Pindeus (Copyright: Another Earth)

Der entscheidende Vorteil ist, dass die synthetischen Datensätze von Beginn an vollständig annotiert sind. Jeder Pixel ist klassifiziert, jedes Objekt identifizierbar. Dadurch können Unternehmen und Forschungseinrichtungen KI-Modelle deutlich schneller trainieren und validieren, und das zu einem Bruchteil der Kosten klassischer Datenerhebung.

Der Weg in den Space-Sektor begann mit Architektur

Der Einstieg von Maya Pindeus in die Space-Industrie war alles andere als vorgezeichnet. Ihre akademische Laufbahn begann mit Architektur und Design Engineering – Disziplinen, die stark visuell und räumlich geprägt sind. Schon früh bewegte sie sich damit an der Schnittstelle von Technologie, Simulation und der Frage, wie komplexe Systeme modelliert und verstanden werden können.

Später verlagerte sie ihren Fokus zunehmend auf künstliche Intelligenz und datenbasierte Modellierung. Ihre erste große unternehmerische Station führte sie nach London, wo sie ein KI-Unternehmen im Bereich Predictive AI mitgründete. Dort arbeitete sie an Prognosemodellen für autonomes Fahren und Fahrerassistenzsysteme – unter anderem für internationale Automobilhersteller.

In dieser Branche wurde ein strukturelles Problem besonders deutlich: Selbst die leistungsfähigsten Algorithmen stoßen an Grenzen, wenn die Trainingsdaten nicht ausreichen. Gerade seltene Ereignisse – sogenannte Edge Cases – sind für KI-Systeme entscheidend, lassen sich mit realen Datensätzen jedoch nur schwer abbilden.

In der Automobilindustrie habe ich gesehen, wie wichtig synthetische Daten für komplexe KI-Modelle sind. Gerade wenn es um seltene Szenarien geht, reichen reale Datensätze oft nicht aus.

Maya Pindeus

Genau an dieser Schnittstelle entstand schließlich die Idee für Another Earth. Gemeinsam mit ihrem Co-Founder und CTO Felix Geremus, der aus der Welt der 3D-Visualisierung und Visual Effects kommt, entwickelte Pindeus das Konzept, Simulationstechnologie mit künstlicher Intelligenz zu verbinden, um Trainingsdaten für Erdbeobachtungssysteme zu generieren und damit eine zentrale Infrastruktur für die nächste Generation von Geospatial-AI aufzubauen.

Vergleich von Satellitenbildern und KI-basierter Landnutzungsklassifikation mit farbigen Karten für Gebäude, Vegetation und Flächen.
(Copyright: Another Earth)

Vom Amazonas bis zu Kakaoplantagen

Die Anwendungsfelder dieser Technologie sind breit und reichen weit über klassische Satellitenanalyse hinaus. Die Lösung von Another Earth ermöglicht es beispielsweise, Umweltveränderungen großflächig zu simulieren und Risiken frühzeitig zu erkennen.

Infrastrukturprojekte wie Wasserkraftwerke können mithilfe von KI-Modellen analysiert werden, um potenzielle ökologische Auswirkungen oder Gefahren für Anlagen besser zu verstehen.

Auch in der Landwirtschaft entstehen neue Möglichkeiten. In Westafrika arbeitet das Unternehmen unter anderem an Projekten zur Analyse von Pflanzenkrankheiten in Kakaoplantagen. KI-Modelle sollen dabei helfen, Krankheitsbilder frühzeitig zu erkennen und landwirtschaftliche Erträge besser vorherzusagen.

Wir sehen immer mehr Bedarf für sogenannte What-if-Szenarien. Was passiert, wenn sich Wetterextreme verändern? Wie reagieren Ökosysteme oder landwirtschaftliche Flächen darauf? Genau solche Szenarien können wir simulieren.

Maya Pindeus

Ein weiterer Anwendungsbereich liegt im Monitoring industrieller Aktivitäten wie etwa im Bergbau. Hier können synthetische Datensätze genutzt werden, um Umweltveränderungen rund um Förderstätten zu analysieren oder Risiken für Infrastruktur zu simulieren.

Gerade in Regionen mit besonders komplexen Ökosystemen – wie dem Amazonasgebiet – sind solche Technologien entscheidend. Satellitenbilder allein liefern zwar Informationen über den Zustand der Erde, doch erst KI macht daraus Prognosen und Entscheidungsgrundlagen.

Kapital für die nächste Wachstumsphase

Die nun abgeschlossene Finanzierungsrunde über 3,5 Millionen Euro markiert für Another Earth den Übergang von angewandter Forschung und Entwicklung hin zur kommerziellen Skalierung. Angeführt wird die Runde vom Impact-Investor Wake-Up Capital, ergänzt durch bestehende Investoren wie Rockstart, Inovexus und Stamco AG sowie Förderungen der österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG und der Austria Wirtschaftsservice (AWS).

Mit dem neuen Kapital will das Unternehmen seine Synthetic Data Engine international ausrollen und gezielt in Regionen einsetzen, in denen Umweltmonitoring und Klimarisiken besonders relevant sind. Ein strategischer Schwerpunkt liegt dabei auf Lateinamerika und Afrika.

Besonders im Fokus steht Brasilien, wo Another Earth derzeit den Aufbau einer eigenen Niederlassung vorbereitet. Gemeinsam mit dem regionalen Partner Novaterra soll die Technologie speziell auf die komplexen Anforderungen des Amazonasbeckens und anderer sensibler Ökosysteme zugeschnitten werden. Ziel ist es, hochauflösende Trainingsdaten für KI-Systeme bereitzustellen, die etwa Entwaldung besser erkennen, landwirtschaftliche Entwicklungen analysieren oder Umweltfolgen großer Infrastrukturprojekte simulieren können.

SpaceTech aus Wien

Obwohl Maya ihre erste unternehmerische Karriere in London aufbaute, entschied sie sich bewusst dafür, Another Earth in Österreich zu gründen. Der Grund liegt vor allem in der Kombination aus privatem Risikokapital und öffentlicher Forschungsförderung. Gerade im Space- und Climate-Tech-Sektor ist diese Mischung entscheidend, weil die Entwicklung komplexer Technologien oft mehrere Jahre intensiver Forschung erfordert.

Als Space- oder KI-Unternehmen arbeitet man ohnehin international. Aber Österreich bietet ein Umfeld, das Forschung und Förderung gut verbindet. Gerade im Space-Sektor ist es wichtig, nicht nur mit privaten Investoren zu arbeiten, sondern auch mit staatlichen und europäischen Programmen. Diese Kombination funktioniert in Österreich sehr gut.

Maya Pindeus

Gleichzeitig sieht Maya aber noch Potenzial für mehr Unternehmertum im heimischen Space-Ökosystem. Österreich sei stark in Forschung und technologischer Entwicklung. Nun brauche es noch mehr Gründer:innen, die daraus skalierbare Unternehmen aufbauen.

Im Space-Sektor in Österreich geht es oft sehr stark um Forschung – das ist wichtig. Aber wir brauchen auch mehr Gründer:innenperspektiven und Unternehmer:innen, die aus diesen Technologien echte Produkte und Unternehmen bauen.

Maya Pindeus

Another Earth versteht sich genau als Teil dieser neuen Generation von Space-Startups: Unternehmen, die wissenschaftliche Exzellenz mit unternehmerischem Denken verbinden und Technologien aus der Forschung in konkrete Anwendungen für globale Märkte übersetzen.