Interview mit Innovationsforscher Florian Schirg
"Wie bringe ich meine Space-Idee erfolgreich in die Wirtschaft, Herr Schirg?"
Wer im Weltraumsektor gründet, muss zwei Imperative miteinander vereinbaren, die einander eigentlich ausschließen.
Auf der einen Seite das Mantra der Startup-Welt:
"Move fast and break things."
Auf der anderen die kompromisslose Logik der Zulieferketten zu Raumfahrtagenturen:
"Verify everything and never break things."
Dort treffen Iteration, Minimalprodukte und schnelle Lernschleifen auf lückenlose Dokumentation, Qualitätsstandards und die schlichte Tatsache, dass Hardware im Orbit nicht mehr repariert werden kann.
Diesen Zielkonflikt nennt Dr. Florian Schirg, Senior Consultant und promovierter Innovationsforscher, die zentrale Herausforderung des Space-Tech-Entrepreneurship.
Innovation ist kein Zufall
Viele Gründungsgeschichten beginnen nicht immer mit einem Moment, in dem alles klar wird, also dem berühmten Geistesblitz. In der Realität ist Innovation selten ein einzelner Funke.
Innovation ist nichts, was plötzlich auftaucht. Selbst Geistesblitze sind meistens auf systematische Quellen zurückzuführen.
Solche Quellen lassen sich konkret benennen: unerwartete Ereignisse, die etablierte Annahmen erschüttern; Lücken zwischen dem, was sein sollte, und dem, was tatsächlich ist; Schwachstellen in bestehenden Prozessen; demografische oder Marktverschiebungen; und vor allem wissenschaftlich-technische Durchbrüche.
Wer für diese Bereiche ein offenes Auge entwickelt, vergrößert seine Chancen erheblich. Neuere Ansätze wie Open Innovation, User Innovation oder Lean Startup ergänzen dieses Bild um Offenheit gegenüber externen Ideen, frühe Einbindung der Nutzer:innen und schnellere Lernzyklen. Die ermutigende Nachricht dahinter: Innovation ist erlernbar und wer sie strukturiert angeht, ist seltener auf den glücklichen Zufall angewiesen.
Das Fuzzy Front End
So klar das Raster der Innovationsquellen ist, so unübersichtlich beginnt jede konkrete Gründung. Designforschung spricht vom "Fuzzy Front End", einem Knäuel aus diffusen Ideen, verworfenen Designkriterien und Sackgassen. Erst mit der Zeit verdichten sich Konzept, Prototyp und schließlich ein Produkt.
Im Fuzzy Front End ist es besonders wichtig, dass die Leute schnell zum Ende kommen. Das ist eine der Aufgaben, die wir als Inkubatoren mitmachen, wenn Teams frühzeitig zu uns kommen.
Vier klassische Killer lauern auf jedes junge Unternehmen: kein Marktbedarf, Kapitalmangel, ein unausgewogenes Team, falsches Timing. Risikominimierung sei deshalb das eigentliche Ziel der Frühphase, und der Wert eines guten Inkubators zeige sich oft genau dort, wo Gründer:innen blinde Flecken haben.
"Es gibt ganz oft Dinge, die einfach entschieden werden müssen und die aber nie angesprochen worden sind", beobachtet Schirg. "Gerade junge Gründerteams sind total optimistisch unterwegs, haben aber heikle Themen nicht angesprochen, weil sie denken: Das passt schon, das klingt alles super." Eine externe Perspektive, die solche Lücken früh sichtbar macht, sei oft entscheidender als jede Förderzusage.
Inkubator oder Accelerator — wohin in welcher Phase?
In der öffentlichen Wahrnehmung verschwimmen die Begriffe Inkubator und Accelerator regelmäßig. Schirg trennt sie aber scharf. Ein Inkubator setzt früh an, oft noch vor der formellen Gründung, arbeitet über zwölf bis 24 Monate mit den Teams und entwickelt Idee, Geschäftsmodell und Prototyp bis zur Marktreife. Klassische Beispiele in Österreich sind tech2b, accent oder das ESA BIC Netzwerk.
Ein Accelerator hingegen ist hochselektiv, zeitlich begrenzt auf drei bis sechs Monate und setzt ein bereits gegründetes Unternehmen mit einem ersten Produkt oder ersten Kunden voraus. Sein Ziel ist nicht mehr die Marktreife, sondern die Skalierung; international stehen dafür Programme wie Y Combinator oder Techstars.
Für ein junges Team heißt das: In der allerersten Phase, in der noch nicht einmal klar ist, ob aus der Idee ein Geschäft werden kann, ist der Inkubator der richtige Ort. Erst wenn ein Produkt steht und eventuell schon erste Kund:innen zahlen, lohne sich der Sprung in einen Accelerator. Einen eigenen Space-Accelerator gibt es in Österreich derzeit nicht - International läuft bei Techstars in Zusammenarbeit mit der NASA ein eigenes Space-Programm; das Wiener Start-up GATE Space hat beispielsweise diesen Weg gewählt.
Warum Weltraum die härteste Disziplin ist
Wer im Weltraumsektor gründet, addiert zu allen üblichen Start-up-Risiken eine zweite Komplexitätsebene. Hardware-Komponenten sind im Orbit physikalisch limitiert und irreversibel, denn eine Reparatur schlicht nicht möglich ist, weshalb redundante Systeme die Komplexität exponentiell steigern.
Die ECSS-Standards, der "Goldstandard" der europäischen Weltraumstandardisierung, verlangen lückenlose Dokumentation und eine Qualitätssicherung, die strenger ist als in der Luftfahrt. Hinzu kommen ITU-Frequenzkoordination, Exportkontrollen wie ITAR sowie neue Vorschriften zur Entsorgung am Lebensende einer Mission.
Alles, was bei Start-ups schon gilt, gilt bei Space noch einmal hoch zehn.
Die Kapitalintensität ist immens, Entwicklungszyklen ziehen sich über fünf bis zehn Jahre, ein einziger Fehlstart kann ein Unternehmen vernichten. Lieferketten sind teils monopolartig, qualifizierte Ingenieur:innen rar, Versicherungsprämien hoch. Und der Markt ist nach wie vor stark von staatlichen Aufträgen geprägt; ein privater Sekundärmarkt befindet sich erst im Aufbau.
Genau deshalb sind weltraumfokussierte Inkubationsprogramme anders gebaut: Sie bieten höhere Fördersummen, das ESA BIC Logo als Heritage-Signal, Zugang zu spezialisierter Test- und Laborinfrastruktur sowie zu einem internationalen Expertennetzwerk, das ein normaler Inkubator allein nicht abdecken könnte.