Perigee – Humanitäre Hilfe trifft künstliche Intelligenz

Wie ein österreichisches Startup mit IT, Data Science und Erdbeobachtung neue Einnahmequellen für humanitäre Hilfe schafft.
Logo Perigee

Die steigende Frequenz und Intensität von Fluten, Dürren, Wirbelstürmen, Konflikten und anderen Gefahren führte 2020 zu einem globalen humanitären Finanzbedarf von 35,1 Milliarden US-Dollar. Nicht einmal 50% dieser Summe konnte letztendlich finanziert werden.

Während die Zunahme von Extremereignissen unvermeidbar scheint, stehen Hilfsorganisationen vor einem existenziellen Problem. Obwohl Spenden sammelnde Vereine im Vorjahr europaweit rund € 90 Mrd. umsetzen konnten, stammen bei den meisten lediglich 5% der Einnahmen aus digitalen Kanälen. Eine zunehmende Überalterung setzt dem Sektor zu, jüngere Demographien scheinen kaum greifbar. Ein Großteil des Spendenvolumens trägt die über 70-jährige Bevölkerungsschicht. Aktuelle Studien bescheinigen den Millenials zwar eine hohe Bereitschaft zu spenden, tatsächlich fließen Gelder aber nur von einem Bruchteil. "Durch den Klimawandel entstandene Extremereignisse, COVID19 oder kriegerische Konflikte sind Themen, die auch jüngere Zielgruppen emotional berühren" sagen die PERIGEE-Gründer Emanuel Rudas und Markus Enenkel. "Klassische Medienberichterstattung, Plakate oder Spendenbriefe mit Erlagscheinen erreichen sie jedoch oft nicht mehr."

Schwarzweiß-Porträt der Gründer von Perigee
PERIGEE-Gründer Emanuel Rudas und Markus Enenkel. (Carina Antl/Perigee)

PERIGEE-Software identifiziert Spender

Die Lösung dieses weltweiten Problems kommt von einem österreichischen Startup. Mit innovativer Software analysiert PERIGEE Satellitendaten zu Notfällen, Meinungsaustausch und Online-Verhalten im Netz. Algorithmen ermöglichen jene Personen zu identifizieren, die sich für ein Thema auch tatsächlich interessieren. So werden potentielle SpenderInnen zu sozialen und humanitären Themen gefunden, die ihre direkte Lebenswelt abbilden: Wen berührt ein Erdbeben in Kroatien wirklich? Wer wäre offen, für einen Blindenhund zu spenden? Wo sind jene, die vielleicht noch gar nicht erfahren haben, dass Hilfe in ihrer Heimatregion gerade bitter notwendig ist? Diese Erkenntnisse ermöglichen humanitären Hilfsorganisationen, ihre Kampagnen zu optimieren, Streuverluste zu reduzieren, neue Zielgruppen zu erreichen und diese zu Spender:innen zu machen. Satellitendaten spielen dabei eine entscheidende Rolle.


Erdbeobachtung als Mehrwert

Von 2018-2020 war PERIGEE, übrigens der englische Begriff für den Punkt in der Umlaufbahn eines Satelliten, der der Erde am nächsten ist, Teil des Business Incubation Centre der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA) in Graz. Dort konnte u.a. der Zusatznutzen von Satellitendaten für Online-Fundraising weiterentwickelt werden. Satellitendaten spielen deshalb eine entscheidende Rolle – weil es im Fundraising, genau wie in der humanitären Hilfe selbst, um Geschwindigkeit geht. Die ersten 48 Stunden sind kritisch. Während satellitengestütze Notfallsysteme, wie das Copernicus Emergency Management Service, operationell ausgereift sind, spielt Erdbeobachtung in der Kommunikation noch eine unbedeutende Rolle. Auch in der humanitären Hilfe werden Satellitendaten oft noch als zu teuer (vielen Daten sind kostenlos verfügbar) oder zu komplex gesehen. PERIGEE übersetzt daher Satellitendaten in verständliche Information, um humanitäre Bedürfnisse mit Worten und aussagekräftigem Bildmaterial zu beschreiben.

Seit 2021 ist PERIGEE Teil des Südhub der Wirtschaftsagentur Burgenland. Aktuell laufen Pilotstudien mit dem Österreichischen Roten Kreuz, UNICEF und Hilfswerk International. Der Launch ist für Q2 2022 geplant. PERIGEE verspricht nichts weniger als den Online Fundraising Sektor mit datengetriebenen Lösungen zu revolutionieren. So bekommen Hilfs- und Entwicklungsorganisationen aller Größe und Art die richtige Information zur richtigen Zeit, um nie wieder datenlos zusehen zu müssen.